Ähnlichkeitshemmung – Was ist das?
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Ähnlichkeitshemmung – Was ist das?

Dem Psychologen Pál Ranschburg zufolge ist das Gedächtnis im Kontext der Wiedergabe von ähnlichen Lerninhalten gehemmt. Man nennt dies das Ranschburg-Phänomen oder die Ähnlichkeitshemmung.

Jeder kennt es: Es sollen zwei Inhalte gelernt werden, die einander gleichen, und der Kopf wirft alles durcheinander.

Julius kommt gemeinsam mit seinen Eltern zu einem Beratungsgespräch. Seine zunehmenden Schwierigkeiten in der Rechtschreibung bereiten ihnen Sorgen. Der Vater berichtet, wie sie beim Üben der Diktate und der dazugehörigen Lernwörter vorgehen. „Je mehr wir üben“, erklärte er, „desto mehr Fehler macht Julius.“ Er zieht einen Zettel aus der Tasche und sagt: „Wir üben nur die schweren Wörter. Zum Schluss waren es noch diese zehn Wörter (Er zeigte auf den Zettel.), aber gestern hat er nur noch eines richtig geschrieben.“ Dem Zettel ist Folgendes zu entnehmen:

Füller, Pflanze, fiel, fertig, versetzen, pflücken, Pfeffer, pfeifen, vorbei, Ferkel

Und so hat Julius die Wörter geschrieben:

Pfüller, Flanze, viel, vertig, fersetzen, flücken, Pfeffer, feifen, forbei, Pferkel

Das Phänomen der Ähnlichkeitshemmung macht schnell deutlich, dass die Vorgehensweise beim Üben ihn völlig verwirrt hat. Betrachtet man das Fach Deutsch, stellt man schnell fest, dass zahlreiche Ähnlichkeitshemmungen vorzufinden sind. Wichtig ist, darauf zu achten, dass Lernmaterialien verwendet werden, die dieses Phänomen nicht noch unterstützen. So sollten etwa die Buchstaben d und t oder b und p nicht gleichzeitig auf einem Blatt geübt werden. Doch welches Lehrwerk trägt dem schon Rechnung?

Es ist kaum verwunderlich, dass viele Menschen die „s“-, „ss“- und „ß“-Unterscheidung nicht sauber beherrschen, von den anderen Verwirrungen gar nicht zu sprechen.

Der Sinnzusammenhang ist entscheidend.

Im Englischen sieht es nicht anders aus. Wie kommt es, dass nur eine Minderheit der Schüler*innen sicher weiß, wann „their“ und wann „there“ zu verwenden ist, ob „some“ oder „any“, „much“ oder „many“ korrekt ist? Nun ja, es wird ihnen nahezu beigebracht, diese Wörter durcheinander zu werfen. Viel sinnvoller wäre es, ihnen deutlich zu machen, wie man ein Wort in einem Sinnzusammenhang üben kann, bis es sicher beherrscht wird, bevor die Aufmerksamkeit der Alternative gilt. Einige Wörter lassen Verwirrung kaum vermeiden, so etwa die Fragewörter „who?“ (= wer?) und „where“ (= wo?). Solche Begrifflichkeiten, die geradezu zum falschen Gebrauch inspirieren, bezeichnet man als „false friends“, also falsche Freunde. In solchen Fällen ist es ratsam, sich Eselsbrücken zu schaffen, zum Beispiel: Who, who, who wer bist du? Where, where, where wo kommst du her?

Lösungswege

Sie sehen also: Es gibt zahlreiche Beispiele für immense Verwirrungsquellen. Doch welche Lösung weist einen Weg aus dieser Misere? Nun, an sich ist es ganz einfach. Ziel ist es, keine Zweifel mehr entstehen zu lassen. Wenn einander ähnliche Begebenheiten gelernt werden müssen, dürfen diese nicht nebeneinander dargestellt werden. Erst, wenn der*die Schüler*in die eine Seite sicher beherrscht, folgen Hilfsregeln zum weiteren Trainieren.

Abschließend ist hier noch anzumerken, dass es auch eine Ähnlichkeitshemmung gibt, die sich auf den Inhalt bezieht. So kann es bisweilen vorkommen, dass man nicht mehr weiß, ob der Postbote Herr Sommer oder Herr Sonntag heißt. Natürlich kann man sich manche Einzelheiten vielleicht gerade deshalb gut merken, weil sie einander fast gleich sind, so etwa, wenn Sie eine entfernte Bekannte haben, die Anna-Luise heißt, was Sie nie vergessen, weil Ihre Mutter Anna heißt und Sie einfach das Luise anhängen. Festzuhalten ist letztendlich, dass man sich zwar auf diese Weise mit Eselsbrücken wunderbar behelfen kann, jedoch der direkte und gerade Weg, etwas zu lernen, immer zu bevorzugen ist. Geht es etwa um die Unterscheidung von „rechts“ und „links“, kann dieses Wissen genutzt werden. Das Prinzip kindgerecht zu erklären, es auszuprobieren, ist das eine. Üben Sie mehrere Tage nur „rechts“. Nachdem ein Kind verinnerlicht hat, welches die rechte Seite ist, weiß es automatisch, dass die andere Seite die linke ist.