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Arbeitsplatz Schule: Stressbewältigungsstrategien für Lehrkräfte

Das Bild des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit ist sehr gespalten. Man hört und liest einerseits viel über katastrophale Bedingungen an Schulen, findet Berichte über ausgebrannte Lehrkräfte, Frühpensionierungswellen und enorme Krankenstände beim Lehrpersonal. Andererseits halten sich hartnäckig die Klischees über Lehrkräfte als gut bezahlte Teilzeitjobbende, die um 13 Uhr Feierabend haben und zwölf Wochen Ferien pro Jahr genießen. Viele Forscherinnen und Forscher haben mittlerweile festgestellt, dass der Lehrerberuf zu den Berufen zählt, in denen die Anzahl psychisch belastender, stressauslösender Faktoren überdurchschnittlich hoch ist. In diesem Artikel möchten wir einige dieser belastenden Faktoren vorstellen. Was sind nun typische Belastungen im Lehrerberuf?

 

Die Komplexität der Tätigkeit

  • Lehrkräfte sind Wissensvermittler mit Bildungsauftrag und Fachleute für das Lehren und Lernen.
  • Lehrkräfte haben Motivationsaufgaben.
  • Lehrkräfte haben Erziehungsaufgaben.
  • Lehrkräfte haben Beratungsaufgaben.
  • Lehrkräfte haben Beurteilungsaufgaben
  • Lehrkräfte sind angehalten, sich ständig weiterzubilden und ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.
  • Lehrkräfte haben Organisations- und Verwaltungsaufgaben.
  • Lehrkräfte sind an der Schulentwicklung beteiligt und setzen Reformen um.

Allein an dieser Aufzählung wird deutlich, dass Lehrkräfte über das reine Fachwissen hinaus eine Vielzahl von Fähigkeiten und Kompetenzen benötigen. Auch Aspekte der Persönlichkeit spielen in ihrem Beruf eine wichtige Rolle. Da Lehrkräfte eng mit Menschen zusammenarbeiten, müssen sie in der Lage sein, Situationen schnell einzuschätzen und flexibel zu reagieren. Sie treffen sie in einer einzelnen Unterrichtsstunde zahlreiche Entscheidungen, was hohe Anforderungen an die kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen stellt.

 

Arbeitszeiten und quantitative Überforderung

Auch wenn Lehrkräften häufig vorgehalten wird, lediglich akademische Halbtagsjobbende zu sein, haben sie im Durchschnitt eine hohe Wochenarbeitszeit. Neben dem Stundendeputat müssen in der Regel zusätzliche Aufgaben und Pflichten erfüllt werden – von Besprechungen, oft auch zwischen Tür und Angel in der 5-Minuten-Pause, über Elternsprechtage, Elternabende und Konferenzen bis hin zu Klassenfahrten, Ausflügen, Wandertagen und Projekten. Die Pausen können selten als reine Erholungszeiten genutzt werden. Lehrkräfte sind ständig ansprechbar. Auch die Unterrichtsvorbereitungen und das Korrigieren von Klassenarbeiten bedeuten je nach Fächerkombination einen zum Teil enormen zusätzlichen Zeitaufwand. Hinzu kommt, dass es vielen Lehrkräften schwerfällt, eine klare Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen, da ein beträchtlicher Teil der Arbeit zu Hause erledigt werden muss. Adäquate Arbeitsplätze an Schulen sind kaum vorhanden. So leben viele Lehrkräfte in dem Gefühl, nie mit allem fertig zu sein und nie wirklich Feierabend zu haben. Es gelingt ihnen kaum, abzuschalten und zu entspannen. Besteht zusätzlich eine Doppelbelastung aus Arbeit und Familie, kommt es oft zu weiterer innerer Spannung.

 

Einzelkämpferdasein

Obwohl sie Teil eines großen Kollegiums sind, beklagen viele Lehrkräfte eine mangelnde soziale Unterstützung durch Kolleginnen sowie Kollegen und die Schulleitung. Sie fühlen sich mit den Anforderungen und Schwierigkeiten des anspruchsvollen Lehrerberufs allein gelassen und weitestgehend auf sich gestellt. Das Fragen nach Hilfe und das Einräumen eigener Überforderung werden zudem von vielen Lehrkräften als Zeichen von Schwäche und Inkompetenz empfunden und möglichst vermieden. Der stressige und oft eng getaktete Schulalltag lässt ohnehin wenig Raum für informelle kollegiale Gespräche und gemeinsame Problemlösungen. Der systematische Austausch von Lehrmaterialien und die Zusammenarbeit bei der Vorbereitung von Unterrichtsreihen kommen in vielen Kollegien kaum vor. Fest installierte Angebote wie Intervisionen (fachlich-kollegialer Austausch und Beratung unter Gleichgestellten), Supervisionen (Beratung und Problemlösung mit einer meist externen Expertise), Fallbesprechungen oder gegenseitige Unterrichtsbesuche gibt es an den meisten Schulen nicht. Bezüglich der Frage, ob gegebenenfalls an der Schule tätige Schulpsychologinnen oder -psychologen auch für Lehrkräfte und deren Belastungen ansprechbar sind oder sein können, besteht meist keine Klarheit. Vor allem junge Kolleginnen und Kolleginnen und Kollegen mit fehlender Berufserfahrung kommen schnell an ihre Grenzen und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Erste Unsicherheiten und Überforderungen können sich so verfestigen, was zu ungünstigen Entwicklungen führt. Der Schulleitung kommt in diesem Kontext eine besondere Bedeutung zu. So haben Unterstützung und Rückhalt durch sie einen immens positiven Einfluss auf das gesamte Schulklima und das soziale Klima im Lehrkräftekollegium. Auch die Schulleitung benötigt allerdings angesichts steigender Anforderungen Unterstützung, die es kaum gibt. Hier schließt sich der Teufelskreis.

 

Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern

In Umfragen und Untersuchungen unter Lehrkräften wird der Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern durchgehend als einer der größten Belastungsfaktoren im Schulalltag genannt. Es scheint einen engen Zusammenhang zwischen der Anzahl schwieriger Schülerinnen und Schüler, mit denen eine Lehrkraft konfrontiert ist, und dem Ausmaß der subjektiv wahrgenommenen Belastung zu geben. Viele Lehrkräfte sehen eine negative Entwicklung des Verhaltens von Schülerinnen und Schülern über die letzten Jahre und Jahrzehnte. Disziplinprobleme, fehlende Lernmotivation und eine deutlich verminderte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne werden beklagt und als eine große Beeinträchtigung bei der Unterrichtsgestaltung erlebt. Ein grundlegendes Desinteresse an den Lerninhalten und eine Verweigerungshaltung der Schülerinnen und Schülersind mittlerweile keine Seltenheit mehr und führen zu Gefühlen von Frustration, Macht- und Hilflosigkeit auf Seiten der Lehrkräfte, die trotz ihrer Bemühungen nicht zu ihnen durchdringen. Erschwert wird die Situation durch die tendenziell ansteigenden Klassengrößen, die es dem Lehrpersonal schwer machen, ausreichend auf einzelne Problemschüler einzugehen und sich intensiv mit diesen auseinanderzusetzen.

 

Erziehungsaufgaben

Neben der Vermittlung von Wissen und Bildung ist der Erziehungsauftrag die zweite, nicht weniger wichtige Kernaufgabe und Zielsetzung des Lehrerberufs. Für viele Lehrkräfte stellt dieser Auftrag einen positiv herausfordernden Aspekt ihrer Tätigkeit dar, der Sinn und Erfüllung verspricht. Sie sehen sich nicht nur als Wissensvermittler, sondern haben Freude daran, ihrer pädagogischen Aufgabe nachzugehen, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und ihnen wichtige Impulse mit auf den Weg zu geben. Nicht zuletzt kommt Lehrkräften schließlich eine Vorbildfunktion zu und sie sind in vielerlei Hinsicht Modelle für ihre Schülerinnen und Schüler. In den letzten Jahrzehnten machten es gravierende gesellschaftliche Veränderungen Lehrpersonen allerdings immer schwerer, ihrem Erziehungsauftrag noch gerecht zu werden. Aufbrechende Familienstrukturen und eine stetig gestiegene Anzahl alleinerziehender, berufstätiger Elternteile haben starke Auswirkungen auf die familiäre Erziehungskultur. Vielen Eltern bleibt wenig Zeit, sich intensiv mit ihren Kindern zu beschäftigen, sodass sich Erziehung immer stärker ins schulische Umfeld, sprich auf die Lehrkräfte, verlagert. Dies macht eine Ausweitung des Erziehungsauftrags der Lehrkräfte notwendig. Dies ist jedoch in den aktuellen Strukturen des Schulalltags nicht berücksichtigt, was für Frustration und Unzufriedenheit sorgt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Einstellung vieler Eltern den Lehrkräften gegenüber gewandelt deutlich geändert hat. Wurden sie früher eher als Bündnispartner in der Ausbildung und Erziehung des Kindes gesehen, werden Lehrkräfte heute meist einer kritischen Prüfung unterzogen. Eltern suchen Fehler und Verantwortung (zum Beispiel für schlechte Noten) schnell beim Lehrpersonal und nicht bei sich selbst oder ihrem Kind. Beschwerden und Anfeindungen Lehrkräften gegenüber stehen an der Tagesordnung und sorgen für Ärger und Stress.

 

Rollenvielfalt und Rollenkonflikte

Lehrkräfte sind in ihrer Tätigkeit in ein Netzwerk von unterschiedlichen Rollen eingebunden und somit einer Vielfalt von Erwartungen ausgesetzt. Die Erwartungsträger sind

  • Gesellschaft/Öffentlichkeit,
  • übergeordnete Institutionen (Schulamt, Schulbehörde),
  • Schulleitung,
  • Schülerinnen und Schüler,
  • Kolleginnen und Kollegen,
  • Eltern,
  • privates Umfeld sowie
  • die eigene Person.

Es ist nicht verwunderlich, dass Rollenkonflikte vorprogrammiert sind und es selbst mit großer Anstrengung unmöglich ist, allen Erwartungen gleichermaßen gerecht zu werden. In Abhängigkeit von individuellen Persönlichkeits- und Einstellungsmerkmalen kann dies zu erheblicher innerer Spannung und Unzufriedenheit führen.

 

Fehlende Anerkennung

Viele Lehrkräfte sind es gewohnt, lediglich Rückmeldung von der Schulleitung zu erhalten, wenn es Probleme gibt, sich zum Beispiel Eltern oder Schülerinnen und Schüler beschweren, eine Frist nicht eingehalten wurde oder Ähnliches. Ansonsten gilt an vielen Schulen das Motto: Kein Tadel ist schon Lob genug. Erfüllt die Lehrperson ihre Aufgaben gut und reibungslos, wird dies in der Regel unkommentiert gelassen und nicht positiv hervorgehoben. Nur selten erhalten Lehrkräfte direkte Anerkennung oder positives Feedback von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, Eltern oder Schülerinnen und Schülern. Sie sind darauf angewiesen, eigene Kriterien und Maßstäbe zu finden, um den Erfolg ihrer Arbeit zu beurteilen, was keine leichte Aufgabe darstellt. Harte und objektive Kriterien gibt es kaum. Ist eine gut ausgefallene Klassenarbeit ein Zeichen für guten Unterricht oder war die Arbeit zu einfach? Und auch mit einer perfekt geplanten Unterrichtsstunde wird eine Lehrkraft selten alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen erreichen. Zusätzlich leiden Lehrkräfte unter der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung ihres Berufs. Das Image des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit wird Umfragen zufolge in den letzten Jahrzehnten zwar kontinuierlich positiver, einige Vorurteile halten sich jedoch hartnäckig. Der Mangel an Anerkennung führt bei vielen im Laufe der Dienstjahre dazu, dass sie ein größer werdendes Ungleichgewicht zwischen dem von ihnen investierten Aufwand und der erhaltenen Anerkennung empfinden, was zu Frustration und Unzufriedenheit und im schlimmsten Fall zu Resignation und einer inneren Kündigung führen kann.

 

Reformen und gesellschaftliche Entwicklungen

Lehrkräfte kämpfen an vorderster Front, wenn es darum geht, strukturelle Veränderungen und Reformen im Schulsystem umzusetzen. Gerade in den letzten Jahren gab es Veränderungen mit weitreichenden Folgen für die tägliche Arbeit und die Unterrichtsstrukturen, etwa die Inklusion und die Integration von Flüchtlingen. Reformen sind in der Regel schlecht bis gar nicht vorbereitet, es gibt kaum gezielte Qualifizierungsmaßnahmen für das Lehrpersonal, die Informations- und Kommunikationsstrukturen funktionieren nicht. Ähnlich problematisch stellt sich der Umgang mit herausfordernden gesellschaftlichen Entwicklungen dar. So gibt es wenig Unterstützung zum Umgang mit Phänomenen wie Gewalt unter Schülerinnen und Schülern oder gegen Lehrkräfte, Mobbing oder steigenden Zahlen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, um nur einige Beispiele zu nennen. Lehrkräfte fühlen sich hier oft allein gelassen und wünschen sich Konzepte und Interventionen der Behörden, die jedoch nicht oder erst spät erfolgen.

 

Schutzfaktoren und -strategien

Ebenso wie es viele Lehrkräfte gibt, die an Burnout erkranken, gibt es viele Lehrkräfte, die das Pensionsalter erreichen, ohne jemals an Burnout zu erkranken und die ihren Beruf über viele Jahre mit großer Arbeitszufriedenheit ausüben. Wie funktioniert das? Welche Eigenschaften, Einstellungen und Merkmale zeichnen die Lehrkräfte aus, die ihren Beruf lange zufrieden und gesund ausüben?

 

  • Positive Grundhaltung zu Arbeit

Gesunde Lehrkräfte mögen ihren Beruf und würden ihn wieder ergreifen. Sie sehen ihre Arbeit positiv. Es gelingt ihnen, kleinere und größere Erfolgserlebnisse zu schaffen, sich an diesen zu erfreuen und sich mithilfe dieser Erlebnisse innerlich zu stärken.

  • Hohes Engagement mit Grenzen

Gesunde Lehrkräfte sind motiviert und engagiert und wollen ihre Arbeit gut machen. Sie können sich erreichbare Ziele setzen und sich selbst dafür Anerkennung zukommen lassen. Gleichzeitig kennen sie ihre Belastungsgrenzen und schaffen es, diese zu beachten. Sie merken, wenn es zu viel wird, und können sich bremsen.

  • Hohes berufliches Selbstbewusstsein

Gesunde Lehrkräfte haben ein positives berufliches Selbstbewusstsein. Sie kennen ihre Stärken und haben Vertrauen ihren eigenen Kompetenzen. Sie gehen mit Misserfolgen konstruktiv um und können sich Fehler verzeihen.

  • Zuversicht und Selbstwirksamkeit

Gesunde Lehrkräfte haben das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben und etwas bewirken zu können. Sie gestalten aktiv und nehmen Herausforderungen an, haben häufig eine optimistische Grundhaltung und machen sich weniger Sorgen als erkrankte Lehrkräfte.

  • Hohe soziale Orientierung

Gesunde Lehrkräfte weisen eine hohe soziale Orientierung auf. Sie fühlen sich mit anderen wohl und haben ein gutes soziales Netzwerk innerhalb und außerhalb der Schule. Bei Problemen und Schwierigkeiten fällt es ihnen leicht, auf dieses Netzwerk zuzugreifen und sich so Unterstützung zu und Hilfe zu holen. Je mehr sie unter Stress stehen, desto mehr Unterstützung holen sich.

  • Aktive und flexible Stress- und Problembewältigung

Gesunde Lehrkräfte haben aktive Strategien zur Stressbewältigung. Sie suchen gezielt nach Lösungen und können sich selbst ermutigen und bestärken, darüber hinaus ihre Bewältigungsstrategien flexibel an die Anforderungen der Situation anpassen.

  • Gute emotionale Distanzierung

Gesunde Lehrkräfte können emotionalen Abstand zu Problemen am Arbeitsplatz wahren. Sie nehmen ihre Verantwortung ernst, ziehen aber auch persönliche Grenzen. Sie können berufliche Themen auf den nächsten Arbeitstag verschieben, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.

  • Gute Erholungsfähigkeit

Gesunde Lehrkräfte können sich in ihrer Freizeit gut erholen und ihre Energiereserven auffüllen. Sie trennen Berufs- und Privatleben und beschäftigen sich nach Feierabend gedanklich wenig bis gar nicht mit beruflichen Themen. Zudem sorgen sie für ein gutes, ausgleichendes und aktives Freizeitprogramm.

  • Arbeitszufriedenheit

Gesunde Lehrkräfte sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie haben das Gefühl, für ihr Engagement etwas zurückzubekommen. Das Schulklima und die Arbeitsbedingungen empfinden sie insgesamt als positiv. Auch die Arbeitsbelastung erleben sie als angemessen, die Aufgaben als bewältigbar.

 

Die wenigsten Lehrkräfte erfüllen sicher alle diese Eigenschaften, Merkmale und Fähigkeiten. Wir finden in diesen Faktoren jedoch sehr viele Ansatzpunkte, um die langfristige psychische Gesundheit zu fördern und Stress entgegenzutreten. Melden Sie sich gerne, wenn Sie weiterführende Beratung benötigen.