Lese-/Rechtschreibschwäche und Legasthenie
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Lese-/Rechtschreibschwäche und Legasthenie

Dem Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) liegt eine Lese- und Rechtschreibstörung vor, wenn anhaltende und eindeutige Schwächen im Bereich der Lese- und Rechtschreibung nicht auf das Entwicklungsalter, eine unterdurchschnittliche Intelligenz, eine unzureichende Beschulung, psychische Erkrankungen oder Hirnschädigungen zurückzuführen sind.

Als Hauptmerkmal führt die ICD-10 eine Beeinträchtigung der Lesefertigkeiten auf. Diese äußert sich durch ein unzureichendes Leseverständnis sowie eine mangelnde Fähigkeit, gelesene Worte wiederzuerkennen und vorzulesen. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Lesestörung meist in Kombination mit einer Rechtschreibstörung auftritt.

Die isolierte Rechtschreibstörung offenbart sich nach ICD-10 durch Leistungsdefizite im Buchstabieren und in der korrekten Wortschreibung. Diese Beeinträchtigung kann auch unabhängig und ohne beobachtbare Schwächen im Lesen isoliert auftreten. Aktuelle Forschungen konnten jedoch zeigen, dass bei etwa 3 bis 8 % einer Schulpopulation isolierte Lesestörungen auftreten, ohne dass gravierende Schwächen im Rechtschreiben zu beobachten sind.

Störung oder Schwäche?

Bei einer Diagnose wird oft zwischen einer Lese- und Rechtschreibstörung und einer vorübergehenden Lese-Rechtschreibschwäche unterschieden. Lassen sich die Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb mit den folgenden Gründen erklären, liegt eine Lese- und Rechtschreibschwäche vor:

  • nicht ausreichender Unterricht beim Schriftspracherwerb durch Unterrichtsausfall oder mangelnde didaktische Unterstützung.
  • neurologische oder psychische Erkrankungen.
  • Aufmerksamkeits- oder motorische Störungen.
  • Einschränkungen im Seh- oder Hörvermögen.

Auftreten und Häufigkeit der Lese-/Rechtschreibstörung

Die Lese-/Rechtschreibstörung (LRS) ist eine der häufigsten schulischen Entwicklungsstörungen. Nicht therapiert kann sie zu deutlichen Einschränkungen im schulischen, beruflichen bis hin zum privaten Bereich führen. Alle Kinder, die das Lesen und Schreiben erlernen, machen anfänglich die gleichen Fehler in verschieden starkem Ausmaß. Liegt keine LRS vor, nehmen die Probleme rasch ab. Kinder mit LRS machen die Fehler wesentlich häufiger und die Schwierigkeiten bleiben über einen längeren Zeitraum unverändert.

Anzeichen beim Lesen

  • niedrige Lesegeschwindigkeit, häufiges Stocken, Verlieren der Zeile im Text, aber auch das Auslassen, Vertauschen oder Hinzufügen von Wörtern, Silben oder einzelnen Buchstaben sowie Schwierigkeiten bei Doppellauten
  • Das Gelesene kann nur unzureichend wiedergegeben beziehungsweise in seiner Bedeutung eingeordnet werden.
  • Bei Fragen zum Inhalt wird oft allgemeines Wissen verwendet, statt das Gelesene nutzbar zu machen.

Anzeichen beim Schreiben

  • hohe Fehlerzahl bei Diktaten und abgeschriebenen Texten: Wörter werden teilweise nur in Bruchstücken und im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben.
  • auffallend viele Fehler in der Grammatik und der Zeichensetzung sowie eine oft unleserliche Handschrift in unterschiedlicher Schriftgröße innerhalb eines Textes.

Anzeichen in anderen Fächern

  • Fächer, in denen Lesen und Schreiben wichtige Grundlage ist, können Kinder mit Legasthenie vor erhebliche Schwierigkeiten stellen.
  • So treten Lernprobleme zum Beispiel häufig in Fremdsprachen oder in der Mathematik (hier vor allem bei Textaufgaben) auf.

Deutliche Schwierigkeiten in den grundlegenden Rechenarten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division können zudem Anzeichen für eine sogenannte komorbide Störung (Begleitstörung) sein.

Was findet bei der Diagnose Beachtung?

Die Diagnose orientiert sich an folgenden Kriterien:

  • Die Leseleistung und/oder Rechtschreibleistung liegt deutlich unter dem für das Alter, die Klassenstufe und die Intelligenz des Kindes zu erwartenden Stand.
  • Die individuellen Abweichungen der Leistungen in den einzelnen Lernbereichen liegen mindestens unterhalb der durchschnittlichen Abweichungen der entsprechenden Alters- und Klassenstufe im jeweiligen Leistungsbereich.

Die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung ist durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu stellen.
Bei der Diagnostik der Lese-Rechtschreibstörung, der isolierten Rechtschreibstörung oder isolierten Lesestörung ist auszuschließen, dass die Symptome infolge von

  • intellektuellen Einschränkungen
  • einer Entwicklungsverzögerung
  • nicht korrigierten Seh- oder Hörstörungen
  • unzureichender Beschulung
  • psychischen, neurologischen oder motorischen Störungen

auftreten.

Schulleistungen und Lernstand

  • Schulbericht und Leistungsstand, individuelle Lernentwicklung sowie Noten und Leistungen in weiteren Schulfächern
  • Lese-Probe: Leseverständnis, -geschwindigkeit und Lesegenauigkeit
  • Rechtschreibung
  • Intelligenzdiagnostik, möglichst sprachfrei

Gesamtentwicklung und Folgeprobleme

  • sprachliche und motorische Entwicklung
  • Seh- und Hörleistung
  • Aufmerksamkeit und
  • Sozialverhalten
  • seelische Belastungen
  • psychosomatische Beschwerden (z.B. Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit)

Rahmenbedingungen / äußere Faktoren

  • Art der Schule und Qualität des Unterrichts
  • Häufigkeit Klassen- und/oder Schulwechsel
  • bereits erfolgte Fördermaßnahmen
  • familiäre Situation

Ursachen

der genetische Zusammenhang:

Hier gilt es, die LRS von der Legasthenie abzugrenzen. Letztere ist nämlich genetisch bedingt, während die Lese-Rechtschreibstörung erworben wird. Hat ein Elternteil Legasthenie, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind eine solche aufweist, erhöht. Für eine Legasthenie ist auch der folgende Punkt entscheidend.

der neurobiologische/neurophysiologische Zusammenhang:

Der aktuelle Stand der Forschung geht davon aus, dass die Fähigkeit des Gehirns, visuelle und auditive Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten bei Legasthenie beeinträchtigt ist.

  • Eine verringerte visuelle Wahrnehmungssensibilität, etwa bei schnell aufeinanderfolgenden und ähnlichen visuellen Reizen, kann Einfluss auf das Erkennen von Wortgestalt und Buchstabenpositionen haben.
  • Auf der Ebene der auditiven Wahrnehmung und der Verarbeitung von Sprachlauten bestehen Schwierigkeiten darin, in Millisekunden aufeinander folgende sprachliche und nichtsprachliche Reize (etwa Laute) aufzunehmen, zu unterscheiden und diese Buchstaben zuzuordnen. Diese verzögerte und beeinträchtigte Verarbeitung kann wiederum das Lautbewusstsein (phonologische Bewusstheit) betreffen.

Welche Fähigkeiten sind betroffen?

das Lautbewusstsein:

Hier ist die Fähigkeit gemeint, Sprache in Wörter, Silben und Laute zu untergliedern und die Lautstruktur von Wörtern bewusst wahrzunehmen (dazu gehört auch Lautsynthese, -analyse oder Lautmanipulation).

das orthographische Wissen:

Dies betrifft das Wissen über die Rechtschreibung von Wörtern sowie grundsätzliche Rechtschreibregeln.

Mögliche Folgesymptome einer Legasthenie, die unabhängig von den eigentlichen Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung auftreten, jedoch die weitere Entwicklung Ihres Kindes beeinflussen können:

  • Die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben ziehen häufig Misserfolge in anderen Schulfächern nach sich, in denen die betroffenen Kinder Begabungen haben, sie aber nicht entfalten können.
  • Unverständnis, Vorurteile und schulischer Druck verunsichern und schwächen das Selbstwertgefühl und verringern die Lernmotivation und Freude am Lernen.
  • Das Gefühl des Misserfolges und Versagensängste können emotionalen Stress, Aggressionen, Unlust, Schulangst oder psychosomatische Beschwerden (zum Beispiel Bauchweh oder Übelkeit) nach sich ziehen.

Was können Sie tun?

Für ein glückliches und erfülltes Leben ist meist auch ein erfolgreiches Erlernen unserer wesentlichen Kulturtechniken eine wichtige Grundlage.
Eine Förderung von Kindern und Jugendlichen mit einer Lese-Rechtschreibstörung soll deshalb andauern, bis eine Lese- und Rechtschreibfähigkeit erreicht wurde, die eine altersgerechte Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht.

Gerne vermitteln wir Ihnen, wie Sie Ihre Kinder für diese zusätzliche Arbeit motivieren können und beraten Sie, wie Sie diese Zeit gut und mit Freude gestalten.
Ihre Hilfe stellt eine wesentliche Ressource dar: Kinder brauchen zum erfolgreichen Lernen eine gute Bindung!